ie heißen Sie?"
Die Pressedame hatte ihren Schreibblock gezückt und lächelte mich freundlich an. „Peter Brunnert."
„Und wie alt sind sie?" "47-"
„Und
sie wohnen in ..." „...Hameln", antwortete ich und wischte mir das Blut
aus dem Gesicht, das unter dem provisorischen Kopfverband
hervortropfte.
„Ha - mein", notierte sie nickend.
„Und dann brauche ich noch einen Satz zum Klettern von ihnen, etwas Griffiges!"
Ohne zu überlegen sagte ich: „Klettern ist das geilste, was es gibt!"
Axel, der gerade dabei war, seine Rucksackapotheke wieder zu
verstauen, grinste über beide Backen, Malte lächelte verschmitzt. Es
war aber auch alles wirklich zu komisch und mein Anblick stand in
offensichtlichem Widerspruch zu meiner eben getätigten Aussage. Ich saß
mit blutüberströmtem Gesicht und ebensolchem T-Shirt am Fuße des
Haderturms im südlichen Ith und mein Schädel brummte wie ein
zweistelliger Wirtschaftsaufschwung.
Aber was in aller Welt war da nun genau geschehen?
Eigentlich war Malte an allem schuld gewesen: Denn er wollte
unbedingt nach Lüerdissen, ich eigentlich nach Holzen, er wollte an der
Südwand nicht umlenken, sondern war, um in den Genuss der wunderbaren
September-Abendsonne zu kommen, auf den Gipfel des Haderturms
ausgestiegen. Und er hatte natürlich seinen Achter vergessen. Als ich
ihm mein Abseilgerät reichen wollte, war ein Ast des
Haderturm-Gipfelbaumes auf dem ich mein zartes Gewicht abgestützt
hatte, abgebrochen, ich war mit dem Gesicht auf den Stumpf geschlagen
und dieser hatte mir ein nettes Stückchen aus meiner Denkerstirn
herausgestanzt.
Axel und seine Kumpels waren gerade mit der
Pressefrau zu einem Fotoshooting in den südlichen Ith gefahren und
zufällig Zeuge meines Missgeschicks geworden, was die Pressedame
offenbar dazu animiert hatte, ihren sicherlich bis dahin
todlangweiligen Bericht über das Klettern in norddeutschen
Mittelgebirgen mit etwas blutigem reality-touch aufzumöbeln.
Auf
dem Weg zur Ambulanz setzte ich mit dem Handy rasch noch die
Horrormeldung an Freunde und nahe Verwandte ab, deren Überraschung und
Mitgefühl mittlerweile aber ob der in letzter Zeit erschreckenden
Häufung von Hiobsbotschaften einer fast abgestumpft zu nennenden
Gleichgültigkeit gewichen war.
Die Klinik im heimatlichen Hameln, in die man mich einlieferte hatte einen Namen wie eine Vorabendserie:
Das
Krankenhaus an der Weser. In der dortigen Ambulanz gab es für uns eine
schlechte und eine ganz schlechte Nachricht: Die schlechte: Wir waren
nicht allein, allerlei anderes Patientenvolk hatte sich an diesem Abend
mit diversen Blessuren und Handicaps eingefunden und harrte der
Behandlung durch das Klinikpersonal, das sich jedoch vor neugierigen
Blicken oder Fragen hinter einer soliden Tür verbarg, die nur geöffnet
wurde, nachdem man einen Klingelknopf gedrückt hatte, auf dem „Bitte
klingeln" stand und eine Weile angemessenen Wartens verstrichen war.
Die
ganz schlechte: In einer Zimmerecke war unter der Decke ein riesiger
Farbfernseher angebracht, in dem die „Hitparade der Volksmusik" lief,
und zwar ohne Ton, was bei weitem bizarrer ist, als wenn man das
Gedudel hört.
Malte ergriff sofort die Initiative und klingelte an
der Tür. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete er, im Ersten gebe es
Fußball, Deutschland gegen Brasilien, das würde er gerne sehen aber
bitte mit Ton, wenn es keine zu großen Umstände mache, aber er wolle
keineswegs zur Last fallen.
Man erfüllte ihm diesen Wunsch
umgehend und ich nutzte die Gelegenheit, da die Tür nun schon einmal
geöffnet war, mich der diensthabenden Schwester vorzustellen. Die
Antwort auf ihre Frage, was ich „denn gemacht" hätte, verwirrte sie
offenbar, ich musste die Geschichte zweimal erzählen, bevor sie
zufrieden war.
Ohne mich weiter zu untersuchen oder mich
wenigstens nach meinem Befinden zu fragen wurde ich in die
Warteschleife zurückversetzt und durfte Fußball gucken.
Während ich auf einem der klebrigen Kunstledersessel im Warteraum
Platz nahm überlegte ich noch kurz, dass, wenn ich Casting-Director
einer Vorabendserie wäre, die in einem niedersächsischen
Fluss-Krankenhaus spielte und jene sich als
Krankenschwester-Darstellerin bewürbe, ich sie durchrauschen ließe,
keine Frage.
Das Länderspiel in Berlin hatte gerade begonnen. Wir
wurden Zeuge des 1:0 durch Ronaldinho in der 9. Minute, der mit einem
Weltklassefreistoß Oliver Kahn zur Regungslosigkeit verdammte und von
Kuranyis Ausgleich nur acht Minuten später.
Während der
Halbzeitanalyse durch den wie immer jovial schwafelnden Kaiser („Ja
guuuut, der Oliver Kaaaahn, äähh, der ist momentaaaan, äähh, der beste
Torwart der Welt! Er weiß das auch ...") stand mein Nachbar plötzlich
ruckartig auf. Ein zwei Meter großer Geselle in einer dreckigen braunen
Latzhose, der einen gewaltigen Verband am Unterarm trug. Ich hatte mich
schon die ganze Zeit gefragt, ob er sich wohl mit einer Kreissäge
geschnitten oder vielleicht doch eher in eine Müllpresse geraten war.
Wie auch immer: Er sagte, er habe jetzt keine Lust mehr zu warten, er
fühle sich im Übrigen auch schon viel besser und ginge jetzt nach
Hause. Falls er dann doch noch irgendwann aufgerufen würde, solle man
dem Personal sagen, er sei wieder gesund.
Ich war beeindruckt und hoffte insgeheim, dass die heilenden Kräfte
dieses Warteraumes auch auf mich wirken würden, doch dem war offenbar
nicht so, denn ich war mittlerweile von einem pochenden Kopfschmerz
befallen, der auch durch die durchaus ansehnlichen Bemühungen der
kickenden Adlerträger nicht besser werden wollte.
Zu Beginn der
Nachspielzeit wurde ich dann schließlich doch in den Not-OP gebeten,
man wickelte mir den inzwischen reichlich durchgeweichten Verband von
der Stirn, ich hörte mit Besorgnis irgendetwas wie „... oh, oh, oh..."
und durfte dem diensthabenden Arzt abermals den Hergang des Unfalls
schildern, auch er brauchte zwei Versuche, bevor er ein Bild hatte. Die
Wunde wurde versorgt, angeblich mit einem neuzeitlichen Hautkleber und
einem hässlichen Klammerverband, man wünschte mir gute Besserung und
entließ mich nach Hause.
Dass es sich bei dem eben geschilderten Reparaturversuch offenbar
nicht um die sublime Krönung chirurgischer Wundversorgungskunst
gehandelt haben mag, kann jedermann leicht erkennen, der mir
gegenübertritt und mir ins Gesicht schaut. Die Narbe verleiht mir auch
heute noch etwas von einem Verbindungsstudenten, der soeben seine erste
Mensur geschlagen hat. Nach Aussage des Arztes meines Vertrauens soll
das frankensteinhafte dann doch noch irgendwann nachlassen. Ich bin
schon ganz gespannt.
Apropos Narbe: Sie ist nicht die einzige, die ich mir in diesem Jahr
zugezogen habe, aber sie ist auch am Kopf und die Sorge der Freunde ob
meiner vielen Stürze auf den Schädel ist tatsächlich im Wachsen
begriffen. Die erste Narbe aus dem März ist allerdings am oberen
Hinterkopf, unter inzwischen nachgewachsenen Haaren verborgen und somit
nicht den fragenden Blicken sich an fremdem Leid weidender Neugierlinge
ausgesetzt. Ihre Entstehungsgeschichte ist jedoch ebenfalls
bemerkenswert, weshalb ich auch sie der Leserschaft nicht vorenthalten
möchte.
Es war der erste richtig schöne Klettertag des Jahres. Wir rannten
in absoluter Hochstimmung durch den Wald von Fels zu Fels und
besprangen ihn wie junge Ochsen ihre hörnertragenden Gespielinnen auf
einer Frühlingswiese.
Ein großer Tross mit Kind und Kegel hüpfte
lachend und blödelnd durch den Wald. Die Sonne schien. Wir waren jung
und stark. Hans hatte mir immer schon eine seiner Cleanrouten an der
Wilhelm-Raabe-Klippe zeigen wollen, die er ob ihrer Schönheit, Länge,
Logik und Geradlinigkeit nicht aufhören wollte zu preisen.
Nun
muss ich dazu sagen, dass ich an sich die besagte Wilhelm-Raabe-Klippe
meide wie BVB-Fans diesen einen unaussprechlichen Vorort von
Gelsenkirchen. Nicht, dass ich etwas gegen den sympathischen, im nahen
Eschershausen geborenen Dichter habe, nein. Aber die nach ihm benannte
Klippe stinkt, ist speckig, schrofig, brüchig, doof und wird
flächendeckend entweder von abseilenden Kletterkurshorden oder
lärmenden Helmträgern aus unserem kleinen, ob seines Tulpen- und
Käsereichtums vielgerühmten westlichen Nachbarland belagert. Nichts für
mich.
Doch Hans hatte nicht lockergelassen und heute war die Stimmung so
gut, dass ich mich breitschlagen ließ und wohlgemut einstieg. Obwohl
das Gelände wie mir schien läppisch leicht war, versenkte ich auf Hans'
Rat hin in ungefähr fünf Meter Höhe einen zweiten soliden Keil und
kletterte leicht linkshaltend zu einem großen Griffloch.
In dem
Moment, als ich beide Füße unter das mit links gehaltene Loch gebracht
hatte, brach der Rand des Griffes aus und die Schwerkraft begann ihren
Job zu machen. Ich kippte nach hinten weg und wurde durch die Luft
gewirbelt. „So ist das also, wenn man unkontrolliert stürzt", dachte
ich noch und wartete mit wachsender Ungeduld darauf, dass das Seil
meinen Sturz abfangen möge. Unterwegs knallte ich noch mit der rechten
Schulter auf einen kleinen Absatz, wurde abermals gedreht und stürzte
in waagerechter Rücklage weiter.
Ungefähr einen halben Meter über
dem Fußboden traf mich der Fangstoß, und Hans, der mich sicherte, wurde
vom Seil das Fleisch aus der Daumenbeuge gefräst. Der Keil hatte
offenbar gehalten, der Kopf aber folgte gehorsam dem Gesetz der
Massenträgheit, rauschte weiter und schlug auf einem kleinen Block auf,
dem die Vorsehung dankenswerterweise eine abgerundete Oberseite
beschert hatte.
Es wäre wirklich gelogen und von einer der
Wahrheitsfindung nicht dienlichen Unangemessenheit, die Intensität des
Aufpralls meines Schädels auf dem Block mit etwas Sanftem oder
Behutsamen zu vergleichen. Er sorgte jedenfalls dafür, dass die
Schädelschwarte großflächig und sternförmig aufplatzte und sich in dem
Krater rasch ein ansehnlicher See frischen Blutes bildete. Schon nach
wenigen Sekunden war dieser randvoll und das überschüssige Blut ergoss
sich über mein Gesicht und tropfte auf meine frischgewaschene Hose, was
mich sehr ärgerte, da es zwar nicht die beste, aber die einzige
Kletterhose war, die ich besaß.
Reflexhaft zog ich die Schuhe aus und musste erstaunt feststellen,
dass beide großen Zehennägel umgeklappt waren, wobei ich auch heute
noch nicht weiß, wie das passieren konnte. Man lehnte mich mit dem
Rücken an die Wand, legte mir rasch einen provisorischen Verband an und
erkundigte sich besorgt nach meinem Bewusstseinszustand, offensichtlich
befürchtete man Schlimmeres. Jeannette stopfte mir Kügelchen in den
Mund und mahnte, sie unter der Zunge zergehen zu lassen, was ich auch
gehorsam tat.
Rasch war via Handy der Notarzt verständigt und
während man, offenbar meine unmittelbar bevorstehende Ohnmacht
erwartend, überlegte, wie man mich zum Zeltplatz tragen sollte,
beschloss ich aufzustehen, und den Weg dorthin wie ein Mann, also
aufrecht, zurückzulegen.
Das war einigen meiner Kameraden offenbar
nicht geheuer, denn während ich ging, wurde ich alle fünf Schritte
gefragt, wie ich mich fühlte, wie meine Handynummer sei, der
Geburtsname meiner Mutter interessierte die mich Begleitenden ebenso
wie die Lösung einfacher mathematischer Aufgaben.
Auf dem Kammweg
kamen uns dann zwei keuchende Rettungssanitäter entgegen, denen wir
aber bedeuteten, sie hätten die schwere Trage umsonst über den
holprigen Pfad geschleppt, der Patient zöge es vor zu laufen.
Am Parkplatz angekommen stellten wir fest, dass ein massiertes
Aufgebot an Rettungskräften bereitstand, sich um den Fortbestand meines
Lebens, das offenbar an einem seidenen Faden hing, zu bemühen.
Insgesamt
waren dies der komplette Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr
Eschershausen, zwei Polizeifahrzeuge, ein Notarztfahrzeug und ein
Rettungswagen, der bereits von einem Feuerwehrauto aus dem Schlamm
gezogen worden war, nachdem er versuchte hatte, den Kammweg an einer
untauglichen Stelle zu befahren. Ich wurde in den Rettungswagen
verbracht und gelangte in die Obhut der Notärztin, mit der wir an
diesem Nachmittag noch viel Spaß haben sollten.
Ihr Name sei für diese Geschichte Uljana. Uljana tat, was sie
gelernt hatte und schloss mich an allerlei Apparate und Maschinen an,
plötzlich hingen überall Schläuche und Kabel an mir, um mich herum
piepste, blinkte und oszillierte es wie in einer Fernseh -
Reparaturwerkstatt.
Während Uljana die von den Maschinen
gelieferten Daten ablesend meine Überlebenschancen abcheckte, betrat
ein freundlicher Polizist den Rettungswagen, stellte sich mit dem
Zeigefinger an den Mützenschirm tippend vor und befragte mich nach dem
Unfallhergang, den ich ihm bereitwillig schilderte.
Er nickte
zufrieden, da sich offenbar meine Aussagen mit denen der Zeugen
außerhalb des Rettungswagens deckten und er nicht in Ermittlungen wegen
fahrlässiger Köperverletzung oder gar versuchten Mordes eintreten
musste. Er schien erleichtert und wünschte mir gute Besserung. Kurze
Zeit später setzte sich das Fahrzeug, an dessen Decke ich
festgeschnallt und verkabelt starrte, in Bewegung.
Ich fragte,
wohin wir denn führen, und Uljana bedeutete mir, dass das
Charlottenstift in Stadtoldendorf sich schon auf meine Ankunft und eine
allfällige Notoperation vorbereite. Es wurde mir frischer Sauerstoff in
die Nase geblasen, so dass ich klar denken konnte und so fiel mir die
Geschichte mit dem Nagel in meinem Hinterteil wieder ein, deren
Happy-End ja ebenfalls in diesem Krankenhaus gespielt hatte. Ich
erzählte sie und wir hatten Spaß.
Im Krankenhaus angekommen wurden zunächst Röntgenaufnahmen gemacht,
um den Grad meiner inneren Zerstörung beurteilen zu können. Insgesamt
siebzehn Aufnahmen von diversen Körperteilen und aus unterschiedlichen
Winkeln ergaben jedoch, dass meine Knochen den Satz offenbar
unbeschadet überstanden hatten. Was folgte, war das Nähen der Wunde.
Uljana rasierte mich vorsichtig an der betroffenen Stelle und versuchte
dabei sogar, meine auf ein erträgliches ästhetisches Endergebnis
abzielenden Sonderwünsche zu berücksichtigen. Alsdann gab sie mir acht
Spritzen in die Schädeldecke, „Lokale Betäubung", wie sie es nannte.
Mag
sein, dass diese etwas unterdosiert war, jedenfalls schmerzte jeder
einzelne der neunzehn Stiche, mit denen die Wunde genäht wurde, exakt
so unangenehm wie die acht Spritzen, die das eigentlich hätten
verhindern sollen. Trotzdem unterhielten wir uns nett, ich durfte
ausnahmsweise Jeannettes Hand halten, sie bat mich sogar, fest
zuzudrücken, was will man mehr. Und auch Uljana hatte schon schlimmere
Nachmittage im Charlottenstift zu überstehen gehabt, wie uns schien.