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wirklichoben1.jpgPeter Brunnert verwirkte eigentlich das Recht, Geschichten über das Bergsteigen schreiben zu dürfen, schon 1957 mit der Wahl seines Geburtsortes.

Er erblickte im niedersächsischen Hildesheim das Licht der Welt. Der heute in Hameln lebende Autor ließ aber nicht locker und legt mit „Wirklich oben bist du nie“ sein zweites Werk vor. Einen Vorwurf muss sich der Autor bei allem gebührenden Respekt gefallen lassen: seine Bücher sind viiieeel zu schnell gelesen. Sie könnten durchaus dreimal oder fünfmal so umfangreich sein.

Wir wünschen das allergrößte Vergnügen mit folgenden Buchauszug…

 

 Zweimal bluten

„W
ie heißen Sie?"
Die Pressedame hatte ihren Schreibblock gezückt und lächelte mich freundlich an. „Peter Brunnert."
„Und wie alt sind sie?" "47-"
„Und sie wohnen in ..." „...Hameln", antwortete ich und wischte mir das Blut aus dem Gesicht, das unter dem provisorischen Kopfverband hervortropfte.
„Ha - mein", notierte sie nickend.
„Und dann brauche ich noch einen Satz zum Klettern von ihnen, etwas Griffiges!"
Ohne zu überlegen sagte ich: „Klettern ist das geilste, was es gibt!"

Axel, der gerade dabei war, seine Rucksackapotheke wieder zu verstauen, grinste über beide Backen, Malte lächelte verschmitzt. Es war aber auch alles wirklich zu komisch und mein Anblick stand in offensichtlichem Widerspruch zu meiner eben getätigten Aussage. Ich saß mit blutüberströmtem Gesicht und ebensolchem T-Shirt am Fuße des Haderturms im südlichen Ith und mein Schädel brummte wie ein zweistelliger Wirtschaftsaufschwung.
Aber was in aller Welt war da nun genau geschehen?

Eigentlich war Malte an allem schuld gewesen: Denn er wollte unbedingt nach Lüerdissen, ich eigentlich nach Holzen, er wollte an der Südwand nicht umlenken, sondern war, um in den Genuss der wunderbaren September-Abendsonne zu kommen, auf den Gipfel des Haderturms ausgestiegen. Und er hatte natürlich seinen Achter vergessen. Als ich ihm mein Abseilgerät reichen wollte, war ein Ast des Haderturm-Gipfelbaumes auf dem ich mein zartes Gewicht abgestützt hatte, abgebrochen, ich war mit dem Gesicht auf den Stumpf geschlagen und dieser hatte mir ein nettes Stückchen aus meiner Denkerstirn herausgestanzt.
Axel und seine Kumpels waren gerade mit der Pressefrau zu einem Fotoshooting in den südlichen Ith gefahren und zufällig Zeuge meines Missgeschicks geworden, was die Pressedame offenbar dazu animiert hatte, ihren sicherlich bis dahin todlangweiligen Bericht über das Klettern in norddeutschen Mittelgebirgen mit etwas blutigem reality-touch aufzumöbeln.
Auf dem Weg zur Ambulanz setzte ich mit dem Handy rasch noch die Horrormeldung an Freunde und nahe Verwandte ab, deren Überraschung und Mitgefühl mittlerweile aber ob der in letzter Zeit erschreckenden Häufung von Hiobsbotschaften einer fast abgestumpft zu nennenden Gleichgültigkeit gewichen war.

Die Klinik im heimatlichen Hameln, in die man mich einlieferte hatte einen Namen wie eine Vorabendserie:
Das Krankenhaus an der Weser. In der dortigen Ambulanz gab es für uns eine schlechte und eine ganz schlechte Nachricht: Die schlechte: Wir waren nicht allein, allerlei anderes Patientenvolk hatte sich an diesem Abend mit diversen Blessuren und Handicaps eingefunden und harrte der Behandlung durch das Klinikpersonal, das sich jedoch vor neugierigen Blicken oder Fragen hinter einer soliden Tür verbarg, die nur geöffnet wurde, nachdem man einen Klingelknopf gedrückt hatte, auf dem „Bitte klingeln" stand und eine Weile angemessenen Wartens verstrichen war.
Die ganz schlechte: In einer Zimmerecke war unter der Decke ein riesiger Farbfernseher angebracht, in dem die „Hitparade der Volksmusik" lief, und zwar ohne Ton, was bei weitem bizarrer ist, als wenn man das Gedudel hört.
Malte ergriff sofort die Initiative und klingelte an der Tür. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete er, im Ersten gebe es Fußball, Deutschland gegen Brasilien, das würde er gerne sehen aber bitte mit Ton, wenn es keine zu großen Umstände mache, aber er wolle keineswegs zur Last fallen.
Man erfüllte ihm diesen Wunsch umgehend und ich nutzte die Gelegenheit, da die Tür nun schon einmal geöffnet war, mich der diensthabenden Schwester vorzustellen. Die Antwort auf ihre Frage, was ich „denn gemacht" hätte, verwirrte sie offenbar, ich musste die Geschichte zweimal erzählen, bevor sie zufrieden war.
Ohne mich weiter zu untersuchen oder mich wenigstens nach meinem Befinden zu fragen wurde ich in die Warteschleife zurückversetzt und durfte Fußball gucken.

Während ich auf einem der klebrigen Kunstledersessel im Warteraum Platz nahm überlegte ich noch kurz, dass, wenn ich Casting-Director einer Vorabendserie wäre, die in einem niedersächsischen Fluss-Krankenhaus spielte und jene sich als Krankenschwester-Darstellerin bewürbe, ich sie durchrauschen ließe, keine Frage.
Das Länderspiel in Berlin hatte gerade begonnen. Wir wurden Zeuge des 1:0 durch Ronaldinho in der 9. Minute, der mit einem Weltklassefreistoß Oliver Kahn zur Regungslosigkeit verdammte und von Kuranyis Ausgleich nur acht Minuten später.
Während der Halbzeitanalyse durch den wie immer jovial schwafelnden Kaiser („Ja guuuut, der Oliver Kaaaahn, äähh, der ist momentaaaan, äähh, der beste Torwart der Welt! Er weiß das auch ...") stand mein Nachbar plötzlich ruckartig auf. Ein zwei Meter großer Geselle in einer dreckigen braunen Latzhose, der einen gewaltigen Verband am Unterarm trug. Ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, ob er sich wohl mit einer Kreissäge geschnitten oder vielleicht doch eher in eine Müllpresse geraten war. Wie auch immer: Er sagte, er habe jetzt keine Lust mehr zu warten, er fühle sich im Übrigen auch schon viel besser und ginge jetzt nach Hause. Falls er dann doch noch irgendwann aufgerufen würde, solle man dem Personal sagen, er sei wieder gesund.

Ich war beeindruckt und hoffte insgeheim, dass die heilenden Kräfte dieses Warteraumes auch auf mich wirken würden, doch dem war offenbar nicht so, denn ich war mittlerweile von einem pochenden Kopfschmerz befallen, der auch durch die durchaus ansehnlichen Bemühungen der kickenden Adlerträger nicht besser werden wollte.
Zu Beginn der Nachspielzeit wurde ich dann schließlich doch in den Not-OP gebeten, man wickelte mir den inzwischen reichlich durchgeweichten Verband von der Stirn, ich hörte mit Besorgnis irgendetwas wie „... oh, oh, oh..." und durfte dem diensthabenden Arzt abermals den Hergang des Unfalls schildern, auch er brauchte zwei Versuche, bevor er ein Bild hatte. Die Wunde wurde versorgt, angeblich mit einem neuzeitlichen Hautkleber und einem hässlichen Klammerverband, man wünschte mir gute Besserung und entließ mich nach Hause.

Dass es sich bei dem eben geschilderten Reparaturversuch offenbar nicht um die sublime Krönung chirurgischer Wundversorgungskunst gehandelt haben mag, kann jedermann leicht erkennen, der mir gegenübertritt und mir ins Gesicht schaut. Die Narbe verleiht mir auch heute noch etwas von einem Verbindungsstudenten, der soeben seine erste Mensur geschlagen hat. Nach Aussage des Arztes meines Vertrauens soll das frankensteinhafte dann doch noch irgendwann nachlassen. Ich bin schon ganz gespannt.

Apropos Narbe: Sie ist nicht die einzige, die ich mir in diesem Jahr zugezogen habe, aber sie ist auch am Kopf und die Sorge der Freunde ob meiner vielen Stürze auf den Schädel ist tatsächlich im Wachsen begriffen. Die erste Narbe aus dem März ist allerdings am oberen Hinterkopf, unter inzwischen nachgewachsenen Haaren verborgen und somit nicht den fragenden Blicken sich an fremdem Leid weidender Neugierlinge ausgesetzt. Ihre Entstehungsgeschichte ist jedoch ebenfalls bemerkenswert, weshalb ich auch sie der Leserschaft nicht vorenthalten möchte.

Es war der erste richtig schöne Klettertag des Jahres. Wir rannten in absoluter Hochstimmung durch den Wald von Fels zu Fels und besprangen ihn wie junge Ochsen ihre hörnertragenden Gespielinnen auf einer Frühlingswiese.
Ein großer Tross mit Kind und Kegel hüpfte lachend und blödelnd durch den Wald. Die Sonne schien. Wir waren jung und stark. Hans hatte mir immer schon eine seiner Cleanrouten an der Wilhelm-Raabe-Klippe zeigen wollen, die er ob ihrer Schönheit, Länge, Logik und Geradlinigkeit nicht aufhören wollte zu preisen.
Nun muss ich dazu sagen, dass ich an sich die besagte Wilhelm-Raabe-Klippe meide wie BVB-Fans diesen einen unaussprechlichen Vorort von Gelsenkirchen. Nicht, dass ich etwas gegen den sympathischen, im nahen Eschershausen geborenen Dichter habe, nein. Aber die nach ihm benannte Klippe stinkt, ist speckig, schrofig, brüchig, doof und wird flächendeckend entweder von abseilenden Kletterkurshorden oder lärmenden Helmträgern aus unserem kleinen, ob seines Tulpen- und Käsereichtums vielgerühmten westlichen Nachbarland belagert. Nichts für mich.

Doch Hans hatte nicht lockergelassen und heute war die Stimmung so gut, dass ich mich breitschlagen ließ und wohlgemut einstieg. Obwohl das Gelände wie mir schien läppisch leicht war, versenkte ich auf Hans' Rat hin in ungefähr fünf Meter Höhe einen zweiten soliden Keil und kletterte leicht linkshaltend zu einem großen Griffloch.
In dem Moment, als ich beide Füße unter das mit links gehaltene Loch gebracht hatte, brach der Rand des Griffes aus und die Schwerkraft begann ihren Job zu machen. Ich kippte nach hinten weg und wurde durch die Luft gewirbelt. „So ist das also, wenn man unkontrolliert stürzt", dachte ich noch und wartete mit wachsender Ungeduld darauf, dass das Seil meinen Sturz abfangen möge. Unterwegs knallte ich noch mit der rechten Schulter auf einen kleinen Absatz, wurde abermals gedreht und stürzte in waagerechter Rücklage weiter.
Ungefähr einen halben Meter über dem Fußboden traf mich der Fangstoß, und Hans, der mich sicherte, wurde vom Seil das Fleisch aus der Daumenbeuge gefräst. Der Keil hatte offenbar gehalten, der Kopf aber folgte gehorsam dem Gesetz der Massenträgheit, rauschte weiter und schlug auf einem kleinen Block auf, dem die Vorsehung dankenswerterweise eine abgerundete Oberseite beschert hatte.
Es wäre wirklich gelogen und von einer der Wahrheitsfindung nicht dienlichen Unangemessenheit, die Intensität des Aufpralls meines Schädels auf dem Block mit etwas Sanftem oder Behutsamen zu vergleichen. Er sorgte jedenfalls dafür, dass die Schädelschwarte großflächig und sternförmig aufplatzte und sich in dem Krater rasch ein ansehnlicher See frischen Blutes bildete. Schon nach wenigen Sekunden war dieser randvoll und das überschüssige Blut ergoss sich über mein Gesicht und tropfte auf meine frischgewaschene Hose, was mich sehr ärgerte, da es zwar nicht die beste, aber die einzige Kletterhose war, die ich besaß.

Reflexhaft zog ich die Schuhe aus und musste erstaunt feststellen, dass beide großen Zehennägel umgeklappt waren, wobei ich auch heute noch nicht weiß, wie das passieren konnte. Man lehnte mich mit dem Rücken an die Wand, legte mir rasch einen provisorischen Verband an und erkundigte sich besorgt nach meinem Bewusstseinszustand, offensichtlich befürchtete man Schlimmeres. Jeannette stopfte mir Kügelchen in den Mund und mahnte, sie unter der Zunge zergehen zu lassen, was ich auch gehorsam tat.
Rasch war via Handy der Notarzt verständigt und während man, offenbar meine unmittelbar bevorstehende Ohnmacht erwartend, überlegte, wie man mich zum Zeltplatz tragen sollte, beschloss ich aufzustehen, und den Weg dorthin wie ein Mann, also aufrecht, zurückzulegen.
Das war einigen meiner Kameraden offenbar nicht geheuer, denn während ich ging, wurde ich alle fünf Schritte gefragt, wie ich mich fühlte, wie meine Handynummer sei, der Geburtsname meiner Mutter interessierte die mich Begleitenden ebenso wie die Lösung einfacher mathematischer Aufgaben.
Auf dem Kammweg kamen uns dann zwei keuchende Rettungssanitäter entgegen, denen wir aber bedeuteten, sie hätten die schwere Trage umsonst über den holprigen Pfad geschleppt, der Patient zöge es vor zu laufen.

Am Parkplatz angekommen stellten wir fest, dass ein massiertes Aufgebot an Rettungskräften bereitstand, sich um den Fortbestand meines Lebens, das offenbar an einem seidenen Faden hing, zu bemühen.
Insgesamt waren dies der komplette Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr Eschershausen, zwei Polizeifahrzeuge, ein Notarztfahrzeug und ein Rettungswagen, der bereits von einem Feuerwehrauto aus dem Schlamm gezogen worden war, nachdem er versuchte hatte, den Kammweg an einer untauglichen Stelle zu befahren. Ich wurde in den Rettungswagen verbracht und gelangte in die Obhut der Notärztin, mit der wir an diesem Nachmittag noch viel Spaß haben sollten.

Ihr Name sei für diese Geschichte Uljana. Uljana tat, was sie gelernt hatte und schloss mich an allerlei Apparate und Maschinen an, plötzlich hingen überall Schläuche und Kabel an mir, um mich herum piepste, blinkte und oszillierte es wie in einer Fernseh - Reparaturwerkstatt.
Während Uljana die von den Maschinen gelieferten Daten ablesend meine Überlebenschancen abcheckte, betrat ein freundlicher Polizist den Rettungswagen, stellte sich mit dem Zeigefinger an den Mützenschirm tippend vor und befragte mich nach dem Unfallhergang, den ich ihm bereitwillig schilderte.
Er nickte zufrieden, da sich offenbar meine Aussagen mit denen der Zeugen außerhalb des Rettungswagens deckten und er nicht in Ermittlungen wegen fahrlässiger Köperverletzung oder gar versuchten Mordes eintreten musste. Er schien erleichtert und wünschte mir gute Besserung. Kurze Zeit später setzte sich das Fahrzeug, an dessen Decke ich festgeschnallt und verkabelt starrte, in Bewegung.
Ich fragte, wohin wir denn führen, und Uljana bedeutete mir, dass das Charlottenstift in Stadtoldendorf sich schon auf meine Ankunft und eine allfällige Notoperation vorbereite. Es wurde mir frischer Sauerstoff in die Nase geblasen, so dass ich klar denken konnte und so fiel mir die Geschichte mit dem Nagel in meinem Hinterteil wieder ein, deren Happy-End ja ebenfalls in diesem Krankenhaus gespielt hatte. Ich erzählte sie und wir hatten Spaß.

Im Krankenhaus angekommen wurden zunächst Röntgenaufnahmen gemacht, um den Grad meiner inneren Zerstörung beurteilen zu können. Insgesamt siebzehn Aufnahmen von diversen Körperteilen und aus unterschiedlichen Winkeln ergaben jedoch, dass meine Knochen den Satz offenbar unbeschadet überstanden hatten. Was folgte, war das Nähen der Wunde. Uljana rasierte mich vorsichtig an der betroffenen Stelle und versuchte dabei sogar, meine auf ein erträgliches ästhetisches Endergebnis abzielenden Sonderwünsche zu berücksichtigen. Alsdann gab sie mir acht Spritzen in die Schädeldecke, „Lokale Betäubung", wie sie es nannte.
Mag sein, dass diese etwas unterdosiert war, jedenfalls schmerzte jeder einzelne der neunzehn Stiche, mit denen die Wunde genäht wurde, exakt so unangenehm wie die acht Spritzen, die das eigentlich hätten verhindern sollen. Trotzdem unterhielten wir uns nett, ich durfte ausnahmsweise Jeannettes Hand halten, sie bat mich sogar, fest zuzudrücken, was will man mehr. Und auch Uljana hatte schon schlimmere Nachmittage im Charlottenstift zu überstehen gehabt, wie uns schien.

wirklichoben2.jpg

Ich wurde auf eigenen Wunsch und gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat nach Hause entlassen. Ich durfte bei Hans und Jeannette bleiben und wir holten Essen vom Chinesen, das sehr lecker schmeckte. Als ich neulich mal wieder an der Wilhelm-Raabe-Klippe vorbeiging, war dort viel Betrieb. Ich wollte mir meine Aufschlagstelle noch einmal anschauen und suchte den Bereich am Einstieg ab. Da wurde ich fast akzentfrei von einem freundlichen Kletterer mit weißem Helm angesprochen. Er fragte mich, ob ich dort etwas verloren hätte und er mir bei Suchen helfen könne.
„Nein, nein", antwortete ich rasch. „Ich glaube ich bin an diesem Felsen noch nie geklettert."

 

 

 

 
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